„Mehr Überraschung, mehr Zusammenhalt“
Coprayer Hofrunde ehrt Ijoma Mangold und Dr. Lydia Hüskens
Krefeld. Bei der Coprayer Hofrunde auf Burg Linn werden der ZEIT-Literaturkorrespondent Ijoma Mangold und
Sachsen-Anhalts Digitalministerin Lydia Hüskens in den Ritterkreis aufgenommen. Die Veranstaltung schlägt Brücken zwischen Politik und Publizistik – mit Witz, Ernst und einem deutlichen Appell an
das demokratische Miteinander.
„Es begann als Strohballen-Runde“, sagt Dietmar Brockes, Vorsitzender der FDP-Niederrhein und
Landtagsabgeordneter, beim Empfang im Rittersaal auf Burg Linn. Was 1962 als liberales Sommergespräch auf einem Bauernhof bei Kleve begann, hat sich zu einem festen Ritual bei der FDP am
Niederrhein Ritual entwickelt.
Jedes Jahr ehrt die Coprayer-Hofrunde einen liberalen Politiker und einen Journalisten zum Ritter der
spitzen Zunge und zum Ritter der spitzen Feder. In diesem Jahr werden zwei Persönlichkeiten aufgenommen, die auf sehr unterschiedliche Weise Haltung zeigen: Ijoma Mangold,
Literaturkorrespondent der ZEIT, und Dr. Lydia Hüskens, Ministerin für Infrastruktur und Digitales des Landes Sachsen-Anhalt.
Den Anfang macht Ijoma Mangold. Moderatorin Dr. Tina Pannes nennt ihn einen „liberalen Geist“ – einer, der
sich mit pointierter Feder in Debatten einmischt, aber nicht mit scharfem Schwert zuschlägt. Mangold selbst beginnt mit einem Augenzwinkern: „Ich habe einen Adelsfimmel“, sagt er. „Ich freue mich
sehr über die Ehre, zu einem Ritter geschlagen zu werden. Denn damit habe ich nicht mehr gerechnet – ich bin schließlich nicht adelig geboren. Jetzt mit der FDP auf dem meritokratischen Weg zum
Ritter gewählt zu werden, ist mir eine Ehre.“
Er nutzt seine Rede für eine Reflexion über das, was Journalismus ausmacht – und was ihm derzeit fehlt. „Was
eine spitze Feder auszeichnet? Schärfe im Ausdruck, Pointiertheit. Aber auch: Momente der Überraschung.“ Und genau die sieht Mangold gefährdet: „Ich wünsche mir mehr Pluralismus und weniger
Herdentrieb von Journalisten. Wir brauchen mehr Überraschung in Meinungen und Kommentaren.“ Er kritisiert den Konformismus im Medienbetrieb und warnt vor einer intellektuellen Bequemlichkeit, die
auch durch neue Technologien befördert werde: „ChatGPT ist ein stochastischer Papagei. Es generiert das Erwartbare. Aber Journalismus muss das Unerwartete liefern.“
Kulturkampf und Bürgerliche Mitte
Mangold spricht auch über das Thema, das ihn seit Jahren beschäftigt: den Kulturkampf. „Ich habe mich daran
abgearbeitet“, sagt er – und meint damit nicht nur die politischen Extreme, sondern vor allem die Reaktionen der bürgerlichen Mitte: „Gerade bei Sprachregelungen oder identitätspolitischen
Debatten sehe ich viel Trägheit. Die 'Woken' werden kaum hinterfragt." Er wünscht sich mehr Widerspruch, mehr geistige Beweglichkeit – und weniger Etiketten. „Ich werde oft als konträr
bezeichnet. Aber wenn ich mich hier umschaue, sehe ich nur zustimmende Gesichter.“
Lydia Hüskens: Zusammenhalt ist kein Widerspruch
Nach dem Ritterschlag für Mangold ist Lydia Hüskens an der Reihe. „Ich wurde gebeten, etwas zum Thema
‚Zusammenhalt‘ zu sagen. Und ehrlich – ich habe gedacht: Liberale und Zusammenhalt?“ Das Publikum lacht. Aber schnell wird klar: Hüskens meint es ernst. „Natürlich stellen wir Liberale das
Individuum in den Mittelpunkt. Aber genau deshalb können wir Zusammenhalt anders denken. Nicht als Gleichschaltung – sondern als Anerkennung von Vielfalt." Sie vergleicht den Zusammenhalt mit dem
Prinzip einer Fußballmannschaft, angelehnt an die Frauen-EM: „Es sind nicht nur elf Spielerinnen auf dem Platz. Es ist das ganze Team; Trainer, Betreuer, Fans. Zusammenhalt entsteht durch das
Bewusstsein, dass alle dazugehören.“
Polarisierung als Gefahr
Hüskens zeigt, wie gesellschaftlicher Zusammenhalt unter Druck gerät. „Deutschland zerfällt in Milieus“, sagt
sie. „Autofahrer gegen Radfahrer, Stadt gegen Land, Fleisch gegen vegan – überall werden Gegensätze betont, statt Gemeinsamkeiten gestärkt.“ Auch regionale Abgrenzung benennt sie: „‚Die Ossis‘,
‚die aus Düsseldorf‘ – das begegnet uns ständig. Das ist menschlich, aber es kann gefährlich werden.“ Sie warnt daher: „Zur NS-Zeit sprach man von ‚Volksgemeinschaft‘ – und grenzte damit aus:
Juden, Andersdenkende, Ausländer. Daraus müssen wir lernen.“
Hüskens plädiert für Offenheit, Neugier – und ein positives Gesellschaftsbild, auch jenseits großer
Sportereignisse: „Nur gegen Rechts zu sein, reicht nicht. Wir müssen für unsere freiheitliche Demokratie einstehen – im Alltag, im Miteinander und in der Sprache.“ Ihr Fazit lautet auch: „In der
Politik gibt es keine universellen Wahrheiten – wir suchen nach Lösungen. Und das gelingt nur gemeinsam.“ Im abschließenden Rittergespräch begegnen sich Mangold und Hüskens mit Humor und Ernst
und voller Selbstkritik, mit der beide ihre eigenen Bereiche hinterfragen. Hüskens endet mit einen Satz, der den Abend zusammenfasst: „Unsere größte Herausforderung ist es, die Demokratie zu
bewahren.“
Zur Chronik der Coprayer Hofrunde
Die Coprayer Hofrunde fand erstmals 1962 als „Strohballenrunde“ in Kleve statt. Von 1963 bis 1977 wird sie
auf dem Coprayer Hof in Kleve ausgerichtet. Seit 1978 versammelt sie sich auf Burg Linn in Krefeld – der Name bleibt erhalten.
Jedes Jahr wird ein Politiker und ein Journalist in den Kreis der „Coprayer Ritter“ aufgenommen.
Einige der bisherigen Paare:
• Renate Wilkes Valkyser (RP) / Otto Graf Lambsdorff
• Klaus Haller (WDR) / Günter Verheugen
• Joachim Sobotta (RP) / Wolfgang Mischnik
• Ulrich Reitz (RP) / Werner Hoyer
• Jan Fleischhauer (damals Spiegel) / Sabine Leutheusser-Schnarrenberger
• Sven Afhüppe (Handelsblatt) / Yvonne Gebauer
• Linda Teuteberg / Horst Thoren
• Ijoma Mangold / Dr. Lydia Hüskens